Studie
ChatGPT liest Google Maps, Perplexity liest Portale – 800 Anfragen zeigen den Unterschied
Von Alex Buchanan20. September 20266 Min. Lesezeit
Viele Betriebe fragen sich, was sie tun müssen, damit „die KI" sie empfiehlt. Eine neue deutsche Auswertung von 800 lokalen KI-Anfragen zeigt: Diese eine Antwort gibt es nicht. ChatGPT und Perplexity schöpfen aus fast entgegengesetzten Quellen – und wer nur an eines der beiden denkt, arbeitet an der Hälfte des Marktes vorbei.
Die KI drückt sich nicht mehr vor der Empfehlung
Der SEO-Spezialist Mykola Vyshnevskyi hat für seine KI-Sichtbarkeits-Studie 2026 insgesamt 800 lokale Anfragen an ChatGPT und Perplexity gestellt – zu zehn Branchen in zwanzig deutschen Städten – und ausgewertet, wen die Systeme nennen und woher sie ihre Informationen holen.
Das erste Ergebnis ist deutlich: In 100 % der Antworten nannte die KI konkrete Firmennamen statt allgemeiner Ratschläge. Im Schnitt waren es 5,2 Unternehmen pro Antwort, insgesamt fielen über 3.000 verschiedene Firmennamen. Die Zeit, in der KI-Assistenten bei „Welchen Elektriker in Köln kannst du empfehlen?" ausweichend antworteten, ist vorbei.
Das klingt harmlos, ist es aber nicht. Wenn jede Antwort eine Auswahlliste ist, dann steht auf dieser Liste entweder Ihr Betrieb oder Ihr Wettbewerber. Ein Dazwischen gibt es nicht.
Zwei Systeme, zwei völlig verschiedene Quellenwelten
Der eigentlich überraschende Befund steckt in den Quellen. Die Auswertung zeigt:
- ChatGPT zieht 38 % aller Quellverweise aus Google Maps – mit Abstand die wichtigste Einzelquelle. Klassische Bewertungsportale spielen dort mit 0,6 % praktisch keine Rolle.
- Perplexity macht es fast genau umgekehrt: Google Maps taucht so gut wie gar nicht auf, dafür stammen 30,5 % der Quellen aus Bewertungs- und Branchenportalen.
Anders gesagt: Die beiden Systeme schauen an unterschiedliche Orte, bevor sie antworten. Ein gepflegtes Google-Unternehmensprofil ist für ChatGPT fast schon die Eintrittskarte – für Perplexity nutzt es Ihnen kaum etwas. Und wer sauber in den Branchenportalen seines Gewerbes steht, wird von Perplexity gefunden, bleibt für ChatGPT aber unsichtbar, wenn die Maps-Daten fehlen oder veraltet sind.
Damit zerfällt eine bequeme Annahme: „Die KI-Sichtbarkeit" als ein einziger Schalter existiert nicht. Es sind mehrere Schalter, und sie sitzen in verschiedenen Räumen. Dass Empfehlungen ohnehin aus mehreren Töpfen stammen, haben wir in Woher die KI ihre Empfehlungen nimmt beschrieben – die neuen Zahlen zeigen jetzt, wie unterschiedlich diese Töpfe je nach System gefüllt sind.
Erfunden wird kaum noch – übergangen schon
Eine zweite Zahl aus der Auswertung räumt mit einem verbreiteten Trost auf. Von 401 stichprobenartig überprüften Firmennennungen existierten 98 % tatsächlich und waren korrekt zugeordnet. 1,5 % wurden der falschen Stadt zugeschlagen, 0,5 % waren nicht auffindbar.
Das berühmte „Halluzinieren" ist bei lokalen Empfehlungen also weitgehend verschwunden. Wer bisher gehofft hat, KI-Empfehlungen seien ohnehin Zufallsprodukte und deshalb nicht ernst zu nehmen, verliert dieses Argument. Die Systeme erfinden keine Betriebe – sie übergehen nur die, über die sie nichts Verlässliches finden. Für ein KI-System ist eine fehlende Datenspur gleichbedeutend mit einer fehlenden Existenz. Warum das oft den fachlich besseren Betrieb trifft, steht in Warum empfiehlt die KI meinen Wettbewerber – und nicht mich?
Das Großstadt-Paradox
Ein Detail der Auswertung ist besonders interessant für Betriebe in Ballungsräumen: In Großstädten relativierte die KI ihre Empfehlungen rund doppelt so oft mit Einschränkungen wie in kleineren Städten – etwa 20 % gegenüber rund 10 % der Antworten.
Wo der Wettbewerb am dichtesten ist, wird die KI also vorsichtiger. Das ist zunächst ärgerlich, aber es steckt eine Chance darin: Wer in einer Großstadt durch saubere, widerspruchsfreie Daten und echte Erwähnungen heraussticht, wird aus einem Feld herausgehoben, das die KI sonst nur zögerlich benennt. In kleineren Städten ist die Hürde niedriger – dort reicht oft schon deutlich weniger, um überhaupt in der Liste zu stehen.
Warum das gerade jetzt wichtig wird
Man könnte all das für ein Nischenthema halten, wenn nicht gleichzeitig die Nutzung so schnell wachsen würde. Die Verbraucherbefragung von BrightLocal zeigt für 2026: Der Anteil der Verbraucher, die KI für Empfehlungen zu lokalen Unternehmen nutzen, ist binnen eines Jahres von 6 % auf 45 % gestiegen. Damit ist KI dort die dritthäufigste Quelle für lokale Empfehlungen – hinter Google und Facebook, vor allem anderen.
Ebenso aufschlussreich: 88 % der Befragten prüfen die KI-Empfehlung anschließend noch einmal selbst nach. Die KI ersetzt die Entscheidung also nicht – sie stellt die Vorauswahl zusammen. Nur: Wer in dieser Vorauswahl fehlt, wird auch nicht nachgeprüft.
Was das praktisch heißt
Aus den Daten lassen sich vier Schritte ableiten, die in dieser Reihenfolge Sinn ergeben:
- Google-Unternehmensprofil vollständig pflegen. Richtige Kategorien, aktuelle Öffnungszeiten, echte Fotos, gepflegte Bewertungen. Das ist der direkteste Hebel für ChatGPT – und er kostet nichts außer Zeit.
- In den Portalen Ihrer Branche präsent sein. Für Perplexity ist das der entscheidende Kanal. Welche Portale relevant sind, unterscheidet sich stark je nach Gewerbe: Handwerk, Gastronomie, Beratung und Handel haben jeweils eigene.
- Angaben überall identisch halten. Name, Adresse, Telefonnummer – jede Abweichung zwischen Website, Profil und Portal schwächt das Signal, weil die Systeme dann nicht sicher sind, ob es um denselben Betrieb geht.
- Erwähnungen außerhalb der eigenen Website aufbauen. Was andere über Sie schreiben, zählt für eine KI mehr als das, was Sie selbst über sich schreiben. Mehr dazu in GEO für lokale Betriebe.
Keiner dieser Punkte ist ein Trick, und keiner wirkt über Nacht. Aber sie sind allesamt bodenständige Aufräumarbeiten – nichts davon setzt technisches Spezialwissen voraus.
Der ehrliche Schlusssatz
Die Studie hat einen klaren Bias: Sie stammt von einer Agentur, die Leistungen in genau diesem Feld verkauft – so wie wir auch. Die Methodik ist nachvollziehbar beschrieben, die Stichprobe für den deutschen Markt ordentlich, aber es handelt sich um eine Einzelerhebung, nicht um eine unabhängige Langzeitstudie. Behandeln Sie die Zahlen deshalb als gut begründete Richtung, nicht als Naturgesetz.
Was sich unabhängig davon halten lässt: Die Systeme unterscheiden sich in ihren Quellen, KI-Empfehlungen sind inzwischen überwiegend korrekt, und die Nutzung wächst schnell. Wer daraus nur eine Sache mitnimmt, dann diese: Vermuten Sie nicht, was die KI über Sie sagt. Sehen Sie nach.
Quellen: NeuRank (Mykola Vyshnevskyi), „Wie ChatGPT entscheidet, welche Unternehmen es empfiehlt – Erkenntnisse aus 800 Anfragen" / KI-Sichtbarkeits-Studie 2026, veröffentlicht Juni 2026, aktualisiert September 2026 (neurank.de). BrightLocal, „Half of consumers are asking AI for business recommendations", Local Consumer Review Survey 2026 (brightlocal.com).